Ermita de Betlem

Ein Heiligtum über dem Meer

Oft werde ich gefragt, welcher Teil Mallorcas am schönsten ist. Der Südwesten hat die Luxusresorts, die Tramuntana bietet steile Klippen, aber die Serres de Llevant im Nordosten bergen einen ruhigeren, strengeren Zauber. Die Ermita de Betlem thront hoch oben auf einem Bergrücken in diesem Gebirgszug, eine einsame Eremitage mit Blick auf die tiefblaue Weite des Mittelmeers. Ich habe meinen Hund Cala erst letzte Woche nach einem heftigen Herbstregen hierher mitgebracht. Wir saßen auf der Steinmauer und sahen zu, wie die grauen Wolken über die Bucht von Alcúdia zogen. Boulevardblätter stempeln Mallorca oft als Partyinsel ab, aber wenn man im stillen Innenhof dieses Klosters steht, wirkt dieser Ruf völlig bedeutungslos. Es ist ein wahrer Zufluchtsort vor den dichten Küstenmassen und der Hitze der tiefer gelegenen Ebenen. Der Reiz von Betlem liegt in seiner Abgeschiedenheit. Man kommt nicht für Führungen oder interaktive Ausstellungen hierher. Man kommt wegen des Windes, der durch die Zypressen pfeift, und dem Geruch von wildem Rosmarin, der in der Sonne trocknet. Der Ort verlangt ein wenig Anstrengung, um ihn zu erreichen, und diese Anstrengung wirkt wie ein natürlicher Filter, der die großen Reisebusse fernhält.
Ermita de Betlem
„Ermita de Betlem“ von Olaf Tausch lizenziert unter BY-SA. Quelle: Openverse
Die markante Fassade der Ermita de Betlem, isoliert in den Serres de Llevant.

Ein Einblick in die Vergangenheit

Mönche des Ordens vom Heiligen Paul und Heiligen Antonius gründeten diesen Ort im Jahr 1805. Sie stammten aus den etablierten Klöstern von Randa und Valldemossa und suchten eine rauhere, abgeschiedenere Umgebung für ihre Kontemplation. Sie errichteten ihre kleine Kapelle über den Fundamenten eines alten maurischen Wachturms und eines alten, wehrhaften Landguts. Über zwei Jahrhunderte hinweg lebten die Bewohner ein Leben in strenger Selbstversorgung. Die Mönche bewirtschafteten in Terrassen angelegte Olivenhaine, hielten Bienen für Honig und bauten Johannisbrotbäume und Mandeln an. Ihre Tage wurden durch das Läuten der Kapellenglocke und die körperliche Arbeit bemessen, die zum Überleben in einem trockenen, felsigen Gebirge erforderlich war. Das offizielle Mönchskapitel in Betlem wurde 2010 aufgelöst. Die letzten alternden Brüder wurden in eine besser zugängliche Einrichtung in Valldemossa verlegt, wodurch die Gebäude der Obhut einer örtlichen Stiftung überlassen wurden, die vom Consell de Mallorca verwaltet wird. Heute sind die Bauwerke intakt geblieben und spiegeln eine Lebensweise wider, die von der Insel gänzlich verschwunden ist.

Die Kurvenreiche Straße von Artà

Man fährt die MA-3333, um hierher zu gelangen. Es ist ein neun Kilometer langer Asphaltband, das in der Stadt Artà beginnt. Touristen fragen häufig, worauf man auf Mallorca achten muss, und diese schmalen, bröckelnden Bergstraßen sind genau die Art von Dingen, vor denen man sich in Acht nehmen sollte. Es gibt unübersichtliche Kurven, abrupte Haarnadelkurven und Abschnitte, in denen der Asphalt in felsige Schluchten abfällt. Während Sie hinauffahren, streifen die dichten Kiefernwälder das Autodach. Die Lufttemperatur sinkt spürbar. Sie überqueren den letzten Bergrücken, und die Straße fällt steil in ein verborgenes Tal ab. Die Einsiedelei taucht plötzlich unter Ihnen auf, eingerahmt von den grauen Kalksteingipfeln der umliegenden Berge. Es ist eine Autofahrt, die absolute Konzentration erfordert, aber die optische Belohnung am Ende ist gewaltig.

Auf zwei Rädern oder vier Pfoten: Alternative Routen

Mit dem Rad den Berg bezwingen Rennradfahrer bevorzugen diese Strecke in den kühleren Monaten. Die Steigung zieht kurz außerhalb von Artà ordentlich an, was im Wiegetritt eine solide und gleichmäßige Anstrengung erfordert. Der Asphalt ist bis zum letzten Kilometer im Allgemeinen glatt, aber die Abgeschiedenheit ist der eigentliche Reiz. Man teilt sich die Straße selten mit mehr als einer Handvoll Autos. Es ist ein klassischer Anstieg für Hobbysportler, die für die größeren Routen in der Tramuntana trainieren.
Wandern von der Küste Wenn Sie lieber zu Fuß unterwegs sind, beginnen Sie unten an der Küste. Der Wanderweg vom Ort Betlem bei Colònia de Sant Pere ist ein anspruchsvoller, sechs Kilometer langer Rundweg. Cala liebt diesen Pfad. Wir kraxeln über steile Ziegenpfade durch niedriges, kratziges Buschland. Der Aufstieg ist steil, und für das lose Schotterfeld kurz vor dem Gipfel braucht man festes Schuhwerk mit dicken Sohlen, aber die sich verändernden Blickwinkel auf das Meer sind außergewöhnlich.

Architektonische Höhepunkte und die Zypressenallee

Am Eingang empfängt Sie eine lange, gerade Zufahrt, die von riesigen Zypressen gesäumt ist. Die dunkelgrünen Spitzen der Bäume bilden einen starken Kontrast zu den hellen Steinen der umliegenden Hügel. Das Hauptgebäude besitzt eine schlichte, wuchtige neoklassizistische Fassade. Über der bogenförmigen Holztür ist eine traditionelle Sonnenuhr aus Stein angebracht, die einen scharfen Schatten auf das Mauerwerk wirft. Eine große, kreisrunde Rosette durchbricht die obere Mauer und lässt das einzige natürliche Licht in das Hauptschiff fallen. Der gesamte Komplex ist aus lokalem Kalkstein erbaut, was ihm eine raue, vom Wetter gezeichnete Textur verleiht, die nahtlos in den Berg übergeht, auf dem er thront.

Im Inneren der Kapelle: Fresken und Stalaktiten

Das Innere bildet einen starken Kontrast zum schlichten Äußeren. Die Wände sind hell und weiß getüncht, wodurch ein kühler, erleuchteter Raum entsteht. Aufwendige Fresken zieren das Tonnengewölbe, die im 19. Jahrhundert von dem mallorquinischen Künstler Francesc Parietti gemalt wurden. Der Hauptaltar ist ein massives Stück, das aus edlem, rot geadertem lokalem Marmor gefertigt wurde. Das ungewöhnlichste Merkmal ist ein kleines Krippendiorama, das in eine höhlenartige Nische in der Wand eingelassen ist. Die Erbauer verzierten diese Szene mit echten Stalaktiten und Stalagmiten. Sie hatten diese Gesteinsformationen den Berg hinaufgeschleppt, die aus den Meereshöhlen stammen, welche entlang der Küste von Llevant verstreut sind. Es ist ein seltsames, faszinierendes Stück Volkskunst, das die Geologie der Insel direkt in seine religiöse Ikonographie einbindet.
Luftaufnahme der schroffen Küste und üppigen Wälder von Artà auf Mallorca, Spanien.
Foto von Andreas Geissler auf Pexels
Die schroffe Küste der Halbinsel Llevant, sichtbar von den hohen Bergrücken der Einsiedelei.

Das Klostergelände und die natürliche Quelle

Das umliegende Gelände kehrt langsam zur Natur zurück. Sie können die Ruinen der alten Olivenpresse und die Steinställe erkunden, in denen die Mönche ihre Maultiere hielten. Gleich an einem schattigen Feldweg finden Sie die Font de s’Ermita. Diese natürliche Süßwasserquelle versorgte die isolierte Gemeinschaft über Generationen hinweg. Das Wasser fließt aus dem Fels in eine kleine, künstliche Grotte mit einem Schrein der Jungfrau Maria.

Füllen Sie Ihre Trinkwasserflasche an der Font de s’Ermita auf, bevor Sie wieder absteigen. Das Wasser ist eiskalt, absolut klar und schmeckt leicht nach dem Mineralgestein.

Mateo Valero

Ein Picknick wie bei den Einheimischen: Proviant für die Einsiedelei

Schwere Steintische stehen im breiten Schatten von Platanen in der Nähe der Quelle. Es ist der beste Ort für ein Mittagessen in der gesamten Gemeinde. Besucher fragen häufig, wofür Mallorca kulinarisch bekannt ist, und die traditionellen Backwaren eignen sich perfekt für ein Bergpicknick. Ich halte vor der Fahrt nach oben immer an einem Forn (Bäckerei) in Artà an. Sie sollten ein paar Panades einpacken – herzhafte Teigpasteten gefüllt mit Erbsen und Schweinefleisch – sowie etwas lokalen Käse. Eine Auswahl an Krustenbrot mit Sobrassada ist praktisch Pflicht. Wenn Sie mehr über die Backwaren der Insel erfahren möchten, gehe ich in unserem Leitfaden zu Traditionellen mallorquinischen Gerichten, die Sie probieren müssen näher darauf ein. Es gibt hier kein Café, also müssen Sie alles, was Sie essen möchten, selbst mitbringen.

Blick auf die Bucht von Alcúdia

Gehen Sie an dem alten kreisrunden Dreschplatz vorbei bis an den Rand des Bergrückens. Der Ausblick von hier aus ist gewaltig. Unten überblicken Sie die gesamte geschwungene Bucht von Alcúdia, die sich von den Sandstränden von Can Picafort bis hin zum Kap Cap des Pinar erstreckt. An einem klaren Wintermorgen, nachdem der Wind den Dunst des Meeres verweht hat, ist am fernen Horizont das flache Profil der Nachbarinsel Menorca zu erkennen. Oft wird darüber diskutiert, wie viele Tage auf Mallorca genug sind. Man könnte alleine zwei Wochen damit verbringen, die Wanderwege zu erkunden, die von diesem einzigen Aussichtspunkt aus abgehen.

Flora und Fauna der Halbinsel Llevant

Die Serres de Llevant sind ein ausgewiesenes Naturschutzgebiet. Das Umweltministerium der balearischen Regierung führt das Gebiet als Schutzzone für einheimische Vogelarten. Mit etwas Glück entdecken Sie Eleonorenfalken oder Zwergadler, die auf warmen Thermikwinden über den Felswänden kreisen. Wilde Bergziegen streifen frei über die Hänge, und ihre Glocken hallen in der ruhigen Luft weit. Die Vegetation ist zäh und niedrigwüchsig, angepasst an die heftigen Tramontana-Winde und die Sommerhitze. Die Hänge werden von mediterraner Macchia (Garrigue) dominiert: Zwergpalmen, wilder Rosmarin, Mastixsträucher und widerstandsfähige Aleppokiefern. Die Luft riecht hier oben intensiv nach Salzwasser, trockener Erde und heißen Tannennadeln.

Ihren Ausflug kombinieren

Die Stadt Artà ist nur zehn Autominuten entfernt und dient als idealer Ausgangspunkt für diesen Ausflug. Das Tourismusbüro von Artà hält im Büro im Stadtzentrum hervorragende Karten der Region bereit. Sie sollten einen Vormittag an der Einsiedelei mit einem Nachmittag verbinden, an dem Sie die historischen Stätten der Stadt erkunden. Besuchen Sie das Santuari de Sant Salvador, das mitten in Artà auf einem eigenen, beeindruckenden mauerumschlossenen Hügel thronen. Geschichtsbegeisterte werden zudem die nahegelegene Talayot de Ses Païsses schätzen, eine der besterhaltenen Siedlungen aus der Bronzezeit auf den Balearen. Wenn Sie Ihre Reise im Laufe der Woche auf die westlichen Berge ausdehnen, buchen Sie vielleicht einen Valldemossa-, Deià- und Sóller-Ausflug, um das prunkvolle Kartäuserkloster von Valldemossa mit der schlichten, abgelegenen Realität von Betlem zu vergleichen.
Datei:Poblat Talaiòtic de Ses Païsses 02.jpg
„File:Poblat Talaiòtic de Ses Païsses 02.jpg“ von H. Zell lizenziert unter BY-SA. Quelle: Openverse
Die alten Steine von Ses Païsses, etwas weiter unten am Berg in Artà.

Praktische Informationen für Besucher

Die Kapelle ist für die Öffentlichkeit im Allgemeinen tagsüber zugänglich, wobei das Innere bei Wartungsarbeiten manchmal ohne vorherige Ankündigung verschlossen sein kann. Der Eintritt ist völlig frei. Am Ende der Zypressenallee gibt es einen kleinen, unbefestigten Parkplatz. Oft wird gefragt, ob Mallorca günstig oder teuer ist. Ein Mietwagen ist gewiss ein Kostenfaktor, aber Erlebnisse wie die Ermita de Betlem beweisen, dass man kein Geld für Eintrittskarten ausgeben muss, um den authentischen Kern der Insel zu finden.
DetailInformation
ÖffnungszeitenTäglich, ca. 09:00 bis 17:00 Uhr (Zugang zur Kapelle variiert)
EintrittKostenlos
ParkenKostenloser Schotterparkplatz vor Ort (Begrenzte Plätze)
Öffentliche VerkehrsmittelKeine. Sie benötigen ein Auto, ein Fahrrad oder müssen wandern.
Es gibt keine öffentlichen Buslinien, die die MA-3333 hinauffahren. Wenn Sie keinen Mietwagen haben, müssen Sie sich auf das TIB-Netz verlassen, um Artà zu erreichen, und von dort aus ein Taxi nehmen. Weitere Details zur Nutzung des Bussystems finden Sie in unserem Leitfaden für die öffentlichen Verkehrsmittel auf Mallorca.

Was Sie einpacken sollten und abschließende Gedanken

Hier gibt es keinerlei touristische Infrastruktur. Sie finden hier weder ein Café, einen Souvenirladen noch öffentliche Toiletten. Sie müssen Ihre Verpflegung selbst mitbringen. Nehmen Sie reichlich Wasser mit, besonders wenn Sie die Insel zwischen Juni und September besuchen. Tragen Sie feste Wanderschuhe, wenn Sie die Wege zu den Aussichtspunkten erkunden möchten, da der Kalkstein scharf und uneben ist. Besucher fragen oft, ob man auf Mallorca Englisch spricht. In den touristischen Zentren von Palma und Magaluf ist das auf jeden Fall so. Hier oben im ländlichen Nordosten sprechen die lokalen Freiwilligen und Platzwarte Mallorquín. Ein höfliches bon dia (Guten Morgen) oder gràcies (Danke) trägt viel dazu bei, Respekt für den Ort zu zeigen, den sie pflegen. Die Ermita de Betlem ist ein Ort tiefen Schweigens. Sie lässt den Lärm und die Hektik des modernen Reisens definitiv hinter sich. Man lässt das Auto stehen, geht die Schotterwege entlang und lässt sich von der Meeresbrise den Kopf frepusten. Es ist ein rauer, wunderschöner Winkel der Insel, der diejenigen belohnt, die den Weg auf sich nehmen.