Mallorcas ruhige Unterwelt
Wer sich von den sonnenverwöhnten Küsten entfernt, erlebt einen abrupten Wechsel von Temperatur und Stimmung. Die Südhänge des Puig de Sant Miquel in der Serra de Tramuntana bergen eine ruhige, in bernsteinfarbenes Licht getauchte Unterwelt. Die meisten Besucher strömen direkt zu den riesigen Küstenhöhlen, aber die Coves de Campanet bieten ein völlig anderes Erlebnis. Es ist ein intimer, unberührter Ort, an dem das rhythmische Geräusch von tropfendem Wasser das Echo großer Menschenmengen und mit Lautsprechern ausgestatteter Reiseleiter ersetzt.
Die zufällige Entdeckung im Jahr 1945
Die Existenz dieser Höhlen war bis vor relativ kurzer Zeit unbekannt. Lokale Landarbeiter gruben 1945 einfach einen Brunnen. Sie spürten immer wieder einen merkwürdigen Luftzug, der aus dem Erdreich aufstieg. Sie folgten dem geheimnisvollen Luftzug, brachen durch den Felsen und stießen auf einen riesigen unterirdischen Hohlraum. Der Architekt Josep Ferragut half bei der Kartierung und Erschließung des Geländes, sicherte die Wege und installierte eine minimale Beleuchtung, bevor die Höhle 1948 für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Seit diesen frühen Tagen hat sie sich kaum verändert. Es gibt hier keine Lasershows oder farbigen Scheinwerfer. Die Beleuchtung ist warm und dezent, wodurch der rohe, natürliche Charakter der Felsformationen erhalten bleibt.
Was Sie erwartet: Der Abstieg und die Atmosphäre
Der selbst geführte Rundweg ist etwa 500 Meter lang und nimmt schätzungsweise 40 Minuten Gehzeit in Anspruch. Sie befinden sich im Durchschnitt 50 Meter unter der Erde. Die Temperatur in der Luft liegt das ganze Jahr über konstant bei 21 °C. Es riecht leicht nach feuchter Erde und urzeitlichem Kalkstein. Viele ausländische Besucher, die in älteren Reiseführern blättern, fragen oft nach dem Unterschied zwischen Mallorca und Majorca. Es handelt sich um ein und denselben Ort, lediglich mit unterschiedlichen Schreibweisen, die für englischsprachige Besucher angepasst wurden, doch die geologische Identität der Insel bleibt völlig einzigartig. Hier unten spüren Sie diese tiefe, prähistorische Identität fernab der Touristenorte.
Lassen Sie sich beim Abstieg Zeit. Bleiben Sie stehen, schließen Sie für zehn Sekunden die Augen und lauschen Sie einfach der absoluten Stille, die nur durch das mäßige, gleichmäßige Tropfen des kalziumreichen Wassers unterbrochen wird.
Mateo Valero
Eine Reise durch die Kammern
Die Kammern haben ganz eigene Charakterzüge. Man wandert durch die Sala de la Palmera ( Palmenkammer) und die Sala Romàntica, bevor man das Castillo Encantado (Verzaubertes Schloss) erreicht. Zarte, hohle Stalaktiten, die vor Ort als „Makkaroni“ bezeichnet werden, hängen von der Decke. Massive Stalagmitensäulen ragen vom Boden empor und haben Jahrtausende gebraucht, um sich in der Mitte zu treffen. Die Sala del Llac beherbergt stille, spiegelnde unterirdische Becken, die die mesozoischen Gesteinsformationen darüber perfekt widerspiegeln.
Prähistorische Ziegen und endemische Skorpione
Dieser Ort ist eine bedeutende wissenschaftliche Zeitkapsel. Paläontologen haben hier die fossilierten Überreste des Myotragus balearicus entdeckt. Dies war eine ausgestorbene, endemische Ziegenart, die lange vor der Ankunft des Menschen auf der Insel lebte. In der Höhle ist zudem der Chthonius campaneti beheimatet – ein winziger, blinder Pseudoskorpion, den es nirgendwo sonst auf der Welt gibt. Diese Entdeckungen machten Campanet für europäische Biologen bekannt. Mehr über diese einzigartigen Insel-Ökosysteme erfahren Sie in den Umweltarchiven der balearischen Regierung.
Coves de Campanet vs. Drachenhöhlen
Die Leute fragen mich oft um Rat, wenn sie sich zwischen den Höhlen entscheiden müssen. Es kommt ganz darauf an, was man von seinem Nachmittag erwartet. Die Drachenhöhlen (Coves del Drach) an der Ostküste sind riesig. Sie bieten unterirdische Konzerte mit klassischer Musik und stark inszenierte Lichtshows über dem Martelsee. Sie sind zweifellos spektakulär, aber eben auch täglich von Tausenden von Touristen überlaufen. Man wird in einer riesigen Menschenmenge auf einem festgelegten Weg durchgeschleust. Campanet hingegen lässt sich im eigenen Tempo erkunden. Man geht in Ruhe. Man hört das tropfende Wasser. Es ist ein echtes Naturerlebnis statt einer Theaterinszenierung.
Wer Spektakel und klassische Musik sucht, geht nach Drach. Wer Geologie, Ruhe und das Gefühl einer echten Entdeckung sucht, geht nach Campanet.
Die Terrasse & das Restaurant Ses Coves
Wenn Sie wieder ans Tageslicht treten, gelangen Sie zur Terrasse von Ses Coves. Es ist ein wunderschöner Ort mit einem herrlichen Blick über das Sant-Miquel-Tal. Auf dem angrenzenden Land betreiben sie einen Bio-Garten und halten lokale Nutztiere. Das Café serviert hervorragendes Fleisch aus dem Holzofen und traditionelle mallorquinische Gerichte. Ich lasse meine Hündin Cala hier immer mit einer Wasserschüssel unter einem Johannisbrotbaum ausruhen, während ich besuchenden Freunden die Höhle zeige. Auf dieser Terrasse bei einem starken Cortado zu sitzen, ist die perfekte Art, die Augen wieder an das helle Mittelmeerlicht zu gewöhnen. Sie können das saisonale Menü und aktuelle Veranstaltungen auf der offiziellen Website der Coves de Campanet einsehen.
Wunder in der Nähe: Sant Miquel und Fonts Ufanes
Sie sollten Ihren Höhlenbesuch mit einem kurzen Spaziergang die Straße hinunter verbinden. Die gotische Kirche Sant Miquel aus dem 13. Jahrhundert ist eine der ältesten der Insel und wurde kurz nach der katalanischen Eroberung erbaut. Direkt daneben liegt die Finca Gabellí Petit, die Heimat der Fonts Ufanes. Dabei handelt es sich um ein seltenes hydrologisches Phänomen, bei dem nach starken Regenfällen in der Tramuntana Wasser aggressiv aus dem Waldboden sprudelt und den Wald innerhalb weniger Stunden überflutet. Es ist ein geschütztes Naturdenkmal und der Weg dorthin ist völlig kostenlos.
Praktische Informationen & Logistik
Sie müssen sich keine Sorgen machen, Wochen im Voraus für Campanet zu buchen. Der Eintrittsprozess ist unkompliziert und die Preise spiegeln den unkommerziellen Charakter des Ortes wider.
| Besucherkategorie | Preis (2026) |
|---|---|
| Erwachsene | 17,00 € |
| Kinder (4 bis 12 Jahre) | 9,00 € |
| Kleinkinder (0 bis 3 Jahre) | Kostenlos |
Die Höhlen sind von April bis Oktober täglich von 10:00 bis 17:00 Uhr geöffnet. In den Wintermonaten von November bis März schließen sie eine Stunde früher um 16:00 Uhr. Die Anlage ist lediglich am 25. Dezember und 1. Januar geschlossen.
Stressfreie Anreise
Sie fahren über die Autobahn MA-13 von Palma kommend und nehmen die Ausfahrt 37. Die Strecke ist gut ausgeschildert. Parkplätze sind kostenlos, von Olivenbäumen beschattet und direkt am Eingang in ausreichender Zahl vorhanden. Wenn Sie die öffentliche Beförderung bevorzugen, nehmen Sie den Zug von Palma nach Sa Pobla. Vom Bahnhof aus ist es nur eine sehr kurze, günstige Taxifahrt zu den Höhlen. In unserem Leitfaden für den öffentlichen Nahverkehr auf Mallorca finden Sie detaillierte Fahrpreise und Fahrpläne.
Sicherheit und saisonale Hinweise
Sie sollten wissen, worauf Sie im Inneren der Höhle achten müssen. Die Steinstufen werden durch die kontinuierlich hohe Luftfeuchtigkeit ziemlich rutschig. Lassen Sie die Flip-Flops im Mietwagen und tragen Sie richtige Turnschuhe mit gutem Gummiprofil. Was den Zeitpunkt Ihres Ausflugs betrifft, ist der beste Monat für einen Besuch dieser speziellen Region meist Mai oder September. Das Wetter draußen ist warm genug für die Strände, aber der kühle Spaziergang unter der Erde bietet eine unglaublich erfrischende Abwechslung mitten am Tag. Wenn Sie nach Ihrer Führung noch tiefer in die Geschichte der Insel eintauchen möchten, fahren Sie zurück in die Stadt und verbringen Sie eine Stunde im Museo de Mallorca, um Artefakte aus derselben Epoche wie die prähistorischen Entdeckungen der Höhle zu besichtigen.
Wer diesen ruhigen Spaziergang mit einem aktiven Tag verbinden möchte, kann sich lokale Schnorchel- und Kajaktouren entlang der Nordküste ansehen. Die stillen Täler von Campanet bieten den perfekten, entspannten Vormittag, bevor es am Nachmittag aufs Wasser geht.
